wiener-kaffeehaus · 15. Juli 2026
Die Geschichte des Wiener Kaffeehauses: von 1683 bis heute
5 Min. Lesezeit
Kaum eine Stadt hat aus dem Kaffee so viel gemacht wie Wien. Was anderswo ein schnelles Getränk ist, wurde hier über Jahrhunderte zu einer Institution: das Kaffeehaus. Seine Geschichte erzählt von einer Belagerung und von Legenden, von Dichtern und Schachspielern, von Niedergang und Wiederkehr.
Sie erklärt auch, warum sich ein Wiener Kaffeehaus bis heute anders anfühlt als jedes andere Café der Welt: als hätte die Zeit hier gelernt, langsamer zu gehen. Ein Streifzug durch mehr als drei Jahrhunderte.
Wie der Kaffee nach Wien kam
Im 17. Jahrhundert war Kaffee in Mitteleuropa etwas Fremdes: teuer, dunkel, ein bisschen suspekt. Er kam über die Handelswege des Osmanischen Reiches und der Levante nach Europa – und mit ihm eine Idee, die in Istanbul längst selbstverständlich war: dass man Kaffee nicht allein zu Hause trinkt, sondern gemeinsam, an einem öffentlichen Ort.
In anderen Städten war diese Idee schon angekommen. Venedig, London und Paris hatten ihre ersten Kaffeehäuser bereits im 17. Jahrhundert. Wien war später dran – aber es sollte aus dem Kaffeehaus mehr machen als fast jede andere Stadt. Der Boden dafür war vorbereitet durch ein Ereignis, das sich tief ins Gedächtnis der Stadt gebrannt hatte.
Die Legende von 1683 – und die Wahrheit von 1685
Die schönste Version der Geschichte ist eine Legende. Als 1683 die zweite Belagerung Wiens durch die Osmanen abgewehrt wurde, sollen im verlassenen Feldlager Säcke voller unbekannter brauner Bohnen zurückgeblieben sein. Georg Franz Kolschitzky, ein Kundschafter mit Sprachkenntnissen, habe sie als Kaffee erkannt, zur Belohnung erhalten und daraus eines der ersten Wiener Kaffeehäuser gemacht.
Die Erzählung ist eingängig – zu eingängig. In dieser Form wurde sie 1783, zur Hundertjahrfeier der Entsatzschlacht, von Gottfried Uhlich verbreitet und im 19. Jahrhundert weiter popularisiert; sie wurde mit Denkmälern und Straßennamen zusätzlich verankert. Kolschitzky wurde zur Gründungsfigur, weil eine junge Kaffeehausnation eine gute Geschichte brauchte.
Historisch belegt ist etwas Nüchterneres: 1685 erhielt der Armenier Johannes Diodato das erste kaiserliche Privileg, in Wien öffentlich Kaffee auszuschenken. Armenische und griechische Händler brachten das Getränk und das nötige Wissen mit. Damit beginnt die dokumentierte Geschichte des Wiener Kaffeehauses – weniger heroisch als die Legende, aber ebenso folgenreich.
Vom Neuen zur Notwendigkeit: das 18. Jahrhundert
Im 18. Jahrhundert wuchs die Zahl der Kaffeehäuser rasch. Aus dem Exotikum wurde ein Treffpunkt, und aus dem Treffpunkt eine Notwendigkeit. Hier las man Zeitungen, spielte Billard und Karten, verhandelte Geschäfte und tauschte Neuigkeiten aus – zu einer Zeit, in der es weder Telefon noch ein Zeitungsabo für jeden Haushalt gab.
Das Kaffeehaus wurde zum Nachrichtenzentrum der Stadt und zum Wohnzimmer für alle, die keines hatten oder ihres verlassen wollten. Bürger und Beamte, Künstler und Kaufleute saßen unter demselben Kronleuchter – eine seltene soziale Durchmischung. Der Kellner, der „Herr Ober“, wurde zur Vertrauensfigur, die man beim Namen kannte.
Schon damals bildete sich aus, was bis heute den Ton angibt: Man kam nicht nur, um zu trinken, sondern um zu bleiben. Ein einziger Kaffee kaufte Stunden an Raum, Wärme und Gesellschaft. Diese stille Übereinkunft – wenig zahlen, lange bleiben dürfen – ist bis heute das Herz der Kaffeehauskultur.
Das goldene Zeitalter der Kaffeehausliteraten
Seine Blüte erlebte das Wiener Kaffeehaus im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Entlang der neuen Ringstraße entstanden prächtige Häuser mit Marmortischen, Samtbänken und Spiegeln – und einige von ihnen wurden zu legendären Adressen der Literatur.
Im Café Griensteidl versammelte sich um 1890 die Gruppe „Jung Wien“ – Autoren wie Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal. Als das Griensteidl 1897 abgerissen wurde, schrieb Karl Kraus dazu seinen berühmten, spöttischen Text „Die demolierte Literatur“. Die Szene zog weiter, vor allem ins Café Central.
Dort wurde die Kaffeehausliteratur endgültig zur Legende. Peter Altenberg soll das Central als seine Postadresse angegeben haben, so sehr war es sein Zuhause. Alfred Polgar verfasste eine augenzwinkernde „Theorie des Café Central“, in der er das Haus als eine Weltanschauung beschrieb. Und ein gewisser Herr Bronstein – später bekannt als Leo Trotzki – spielte hier Schach. Das Kaffeehaus war Redaktion, Salon und Schreibtisch in einem: warm, günstig und immer offen für jene, deren Wohnung kalt und deren Ideen groß waren.
Niedergang und Wiederkehr
Das 20. Jahrhundert brachte Brüche. Zwei Weltkriege, Inflation, Vertreibung und der Verlust vieler Stammgäste trafen die Kaffeehäuser hart. Nach 1945 kam eine neue Konkurrenz: schnelle Espressobars nach italienischem Vorbild, das Fernsehen, das die Menschen abends zu Hause hielt, und ein Lebensstil, der Eile über Muße stellte.
Für diese Jahre gibt es ein trauriges Wort: das „Kaffeehaussterben“. Zahlreiche traditionsreiche Häuser schlossen für immer, andere wurden umgebaut, bis von ihrem Charakter wenig blieb. Doch die Kultur verschwand nicht ganz. Ab den 1980er-Jahren wuchs das Bewusstsein dafür, was Wien mit dem Kaffeehaus besaß: keinen bloßen Gastronomietyp, sondern eine Lebensart. Alte Häuser wurden bewahrt und restauriert, neue in ihrem Geist eröffnet.
2011: Wenn Gemütlichkeit immaterielles Kulturerbe wird
Diese Wertschätzung fand 2011 einen offiziellen Ausdruck: Die Wiener Kaffeehauskultur wurde in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Anerkannt wird darin nicht ein Rezept oder ein einzelnes Gebäude, sondern eine Praxis – das Verweilen, das Zeitunglesen, das Recht, lange bei einer einzigen Tasse zu sitzen.
Es ist eine ungewöhnliche Auszeichnung: Sie hebt nicht die Architektur hervor, sondern eine Haltung zur Zeit. Genau das macht das Wiener Kaffeehaus aus.
Was von der Geschichte bleibt
Man muss die Geschichte nicht kennen, um ein Wiener Kaffeehaus zu genießen. Aber sie erklärt, warum sich der Ort so anfühlt, wie er sich anfühlt: als hätte die Zeit hier eine andere Geschwindigkeit. Wie diese Tradition heute weiterlebt – von der klassischen Melange bis zur neuen Welle des Specialty Coffee – liest du in unserem Überblick zur Wiener Kaffeehauskultur.
Bei uns im 4. Bezirk versuchen wir, genau dieses Erbe fortzuschreiben: guter Kaffee, ehrliches Frühstück und die alte, großzügige Erlaubnis zu bleiben. Was heute in der Tasse landet, steht auf unserer Karte.
Häufige Fragen
Wer hat das erste Wiener Kaffeehaus eröffnet?
Der Legende nach Georg Franz Kolschitzky nach der Türkenbelagerung 1683. Historisch gesichert ist jedoch, dass der Armenier Johannes Diodato 1685 die erste offizielle Lizenz zum Kaffeeausschank in Wien erhielt.
Wer waren die Kaffeehausliteraten?
Schriftsteller wie Peter Altenberg, Karl Kraus, Arthur Schnitzler und Alfred Polgar, die um 1900 Kaffeehäuser wie das Griensteidl und das Café Central zu ihrem Arbeits- und Wohnzimmer machten.
Seit wann ist die Wiener Kaffeehauskultur UNESCO-Erbe?
Seit 2011 ist sie im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO eingetragen.
Warum gab es ein „Kaffeehaussterben“?
Nach dem Zweiten Weltkrieg verdrängten Espressobars, Fernsehen und schnelle Konsumgewohnheiten das gemütliche Verweilen. Viele traditionsreiche Häuser mussten schließen, bevor eine Wiederentdeckung einsetzte.
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Geschrieben von MORGEN Team